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Ein Bericht von Kurt Rumbucher
„Verdammt, jetzt habe ich doch glatt meinen Arzttermin übersehen". Mit diesen Worten überraschte mich meine langjährige Kollegin Frau Kraft. Sie hing eine Bitte an: „Könntest Du für mich vielleicht als offizielle Aufsichtsperson nach Saulgrub fahren? Es ist eine wunderschöne Gegend und ein ausgezeichnetes Hotel", machte sie mir die Sache schmackhaft.
So kam ich denn nach Saulgrub. Natürlich war mir seit Jahren bekannt, dass hier eine Informationsveranstaltung für die Berufsfindung für unsere Schüler stattfindet und dass dort Möglichkeiten aufgezeigt werden, wie man sich bei der ja sehr wichtigen Frage der Berufsfindung helfen lassen kann. Aber dabei, nein, dabei war ich noch nie. Also ließ ich die Gelegenheit nicht aus und sagte zu, wohl wissend, dass es sich um keinen Zusatzurlaub handeln würde.
Gegen 16 Uhr reisten wir mit Herrn Bruha und unserem Heimleiter Herrn Meier vom SBZ an, danach fand eine Vorbesprechung mit Referenten und Referentinnen, Erzieherinnen und sonstigen Aufsichtspersonen statt. Es folgte eine Führung durch das Haus, die für die Blinden wahrscheinlich noch wichtiger war als für die Sehenden.
Nach einem gemütlichen Abendessen um 18 Uhr stellten sich der BBSB den Schülern vor, sich, die Repräsentanten und die Angebote der Einrichtung. Um 19.30 lief die gleiche Vorstellung für die Eltern, die Vertreter der Bildungseinrichtungen und für die Referenten.
Über die beruflichen Möglichkeiten für Blinde und Sehbehinderte referierten nach dem Frühstück ab 9 Uhr Herr Seuß, Landesgeschäftsführer des BBSB, und Herr Weber für die Eltern und Herr Claus und Herr Dellert für die Schüler. Anschließend bestand Gelegenheit, sich in Einzelgesprächen genauer zu erkundigen. Folgende Berufssparten wurden vorgestellt: Metallverarbeitende Berufe, der öffentliche Dienst, Massage und Physiotherapie, Bürokommunikation, sowie der Beruf des Toningenieurs.
In separaten Räumen stellten Herr Weiskopf die Nürnberger Wohn- und Werkstätten vor, Frau Thiess und Herr Eitel deren südbayerisches Pendant, und Herr Merkl das Dominikus-Ring-Eisenwerk;, allesamt Einrichtungen für Mehrfachbehinderte. Herr Korbach und Frau Lerch präsentierten Hilfsmittel für Blinde und Sehbehinderte.
Um 9 Uhr Morgens bekamen wir einen Tag lang Besuch von unseren beiden Direktoren, Herrn Dr. Hahn und Herrn Kuroschinski, die bei den Diskussionen ihre eigenen Erfahrungen einbrachten, die als Schulleiter und die als Väter. Sie zeigten Verständnis für die Probleme der Eltern, saßen aber auch gleichzeitig im Boot der Bildungseinrichtungen. Im Plenum, wie auch in Gesprächen in kleinen Runden standen Interessierten Fachleute zur Verfügung. Es lief alles sehr persönlich ab; wussten sich doch die Teilnehmer von Menschen umgeben, die gleiche oder zumindest ähnliche Probleme zu lösen haben.
Der Donnerstagnachmittag und der Freitag hatten ebenfalls interessante Inhalte. Für mich gab es außer der Teilnahme an den Veranstaltungen, auch noch einen anderen Aspekt. Gespräche mit Schülern und der Eltern, die ebenfalls am Seminar teilnehmen konnten.
Früher, ja früher war alles anders. Recht haben sie, meine Schüler, aber es war nicht alles unbedingt immer schlechter gewesen. Ich selbst kann mich durchaus noch an Zeiten erinnern, in denen um den „lieben Mitarbeiter" geworben worden war. Heute jedoch – so auch in Saulgrub - wurden Ratschläge verteilt wie:
Macht so viel wie möglich Praktika! Interessiert Euch für das Unternehmen, bei dem Ihr Euch bewerbt, im voraus! Seid beschlagen, redegewandt, übertreibt aber auch nicht, seid bescheiden aber doch auch bestimmt in Euerem Auftreten! Vor allem: Seid Ihr selbst! Jedes Verstellen wird bemerkt. Bringt gute Noten mit! Zeigt Euch von Euerer Schokoladenseite, ohne allerdings die Schattenseite zu verstecken! Manchmal, wenn ich ehrlich bin, packt mich dabei die kalte Wut. Wo bleibt denn der Mensch dabei? Die Schule ist früher einmal angetreten um Bildung zu verbreiten. Wie sagte das so schön Wilhelm Busch? „Nicht allein im Schreiben, Lesen übt sich ein gebildet Wesen!" Ist es denn ein Wunder, wenn wir dann als Unterrichtende die wirklich ehrlich gemeinte Frage zu hören bekommen: „Ja, wozu brauche ich denn das alles?“
Solche Gedanken drängen sich mir schon lange auf. Müssen wir unsere Schüler so formen und biegen, dass sie, wie ein auswechselbares Modul in einen Betrieb passen? Sind wir denn der Büttel der Wirtschaft geworden? Die Realschule, so lange sie noch in ihrer jetzigen Form existiert, erhebt immer noch den Anspruch darauf, eine allgemeinbildende Schule zu sein.
Tatsache ist, dass, je mehr Menschen auf den Arbeitsmarkt drängen, der Ton und die Anforderungen rauer bzw. größer werden. Wie groß ist doch der Unterschied im Umgang geworden, zwischen dem einst so umworbenen „lieben Mitarbeiter" bis zum Überangebot an Arbeitskräften und Auszubildenden, aus dem man nun auswählen kann. Das anscheinend immer und überall vorhandene Gesetz von Angebot und Nachfrage scheint nicht nur Preise sondern auch Umgangston und die Charaktere der Menschen zu beeinflussen.
Dabei glaube ich allerdings schon wieder das Pendel etwas in die andere Richtung ausschlagen zu sehen. Tüchtige Fachkräfte fangen an, rar zu werden und mancher Chef greift bereits wieder auf das „ausrangierte alte Eisen" der über Fünfzigjährigen mit Erfahrungsschatz zurück.
Es soll in diesem Bericht nicht wiederholt werden was in dieser oder jener Gruppe erarbeitet worden war. Wichtig erschien mir jedoch die Frage, die in einer Schülerarbeitsgruppe gestellt worden war, ob nämlich die Arbeit alles im Leben sei. Wir sind auch noch Menschen, nicht nur austauschbare Arbeitskräfte, die sich den Erfordernissen der Industrie gemäß zu formen haben. So werden für den immer härter werdenden Verteilungskampf um den sozialen Kuchen die Hürden immer höher gelegt.
Irgendwo muss man sich doch erholen oder ausweinen können und neue Kräfte sammeln – Hilfe holen. Diese Rolle, so hieß es auch hier, muss die Familie übernehmen. Und dort liegt auch die größte Sorge vieler Eltern von mehrfach behinderten Kindern. Wo wird dieser Hort sein, wenn wir einmal nicht mehr sind?
Besonders beeindruckt hat mich der Bürstenbinder, Herr Perschi. „Ich bin arbeitslos. Ich bekomme zwar Geld für nicht gemachte Arbeit, das ist, dank der Werkstätte so organisiert, aber ich möchte auch für das Geld, das ich bekomme, etwas tun. Wer mich als Mensch auffängt? Meine Gruppe, meine Musik und mein Hund.“
Auch in Saulgrub sind natürlich Erfolge dargestellt worden z. T. von ehemaligen Schülern, denn schließlich muss man für seine Berufswahl Optimismus tanken. Positiv eingestellte Menschen kommen leichter vorwärts, sagen uns Psychologen.
Besonders interessant fand ich, Gelegenheit gehabt zu haben, mich mit Eltern längere Zeit zu unterhalten. Alle waren von dem Angebot und der Tätigkeit des BBSB sehr angetan und erfreut, so viele Informationen erhalten zu haben. Alle waren der Meinung, die Gesellschaft solle alle umfassen. Nichtbehinderte wie Behinderte. Aus diesem sozialen Grund schicken ja manche Eltern ihre nicht behinderten Kinder an Einrichtungen, wie das SBZ in Unterschleißheim. Einige von Ihnen zeigten sich doch sehr erstaunt, dass die gut sehenden Klassenkameraden, und es sind ja in unserer 9. Klasse nur wenige, die aber im Prinzip die gleichen Berufswahlprobleme haben, aber nicht nach Saulgrub fahren durften. Mein Appell und meine Bitte: Es müsste sich doch eine Möglichkeit finden, die Klasse nicht ausgerechnet bei solchen Anlässen in Behinderte und Nichtbehinderte zu trennen, wo wir doch sonst das Wort Integration immer so hoch halten!
Am Freitagabend folgte das Candlelight-Dinner im Speisesaal mit anschließender Disco. An dieser Stelle ein dreifach Hoch der Küche und der Organisation. Und auch unseren Schülern. Sie haben sich sehr anständig verhalten und keine Probleme gemacht! (Oder sich nicht erwischen lassen). Als Lehrer bin ich stolz auf Euch.